Gregor Anderhub hilft - ohne Moral zu predigen - Love my job
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Gregor Anderhub hilft – ohne Moral zu predigen

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02 Mrz Gregor Anderhub hilft – ohne Moral zu predigen

Gregor Anderhub ist Geschäftsführer von Viva Con Agua (VcA) Schweiz. Die Hilfsorganisation zeigt auf, dass Menschen auch ohne viel Lohn engagiert arbeiten können. Die Rezeptur von VcA ist simpel und doch erfrischend: Musik, Kunst, Kultur, Offenheit und Freude an der Arbeit reichen, um die Welt zu verändern.     

2011 planten Gregor Anderhub und ein paar Kollegen eine Projektreise nach Mosambik. Sie wollten schauen, wie es mit ihren Wasserversorgungsprojekten vorangeht. Spontan buchte sich der Schweizer Rapper Greis, einer von vielen prominenten Unterstützern der Organisation, auch einen Flug. In Pemba – einer Provinzstadt im Norden Mosambiks – angekommen, erfuhren sie, dass es ein kleines Festival organisiert wurde, mit Greis und dem berühmtesten mosambikanischen Rapper als Headlinern. Gregor erinnert sich: „Das kleine, spontane Festival sollte direkt am Strand stattfinden. Da standen aber nur ein paar Holzlatten herum, die noch zur Bühne verarbeitet werden mussten. In den darauffolgenden Tagen bauten wir die Bühne mit Menschen aus Pemba auf. Wir erwarteten eigentlich kaum Leute, denn an diesem Samstag fand auch ein Karneval in der Stadt statt. Es kam aber alles anders. Der Karneval wurde abgesagt, weil alle Leute an dieses Festival strömten. 2’500 Menschen kamen, um die beiden Rapper zu sehen und eine gute Zeit zu haben. Das war für mich ein eindrückliches Erlebnis und hat mir nochmals vor Augen geführt, wie Musik die Menschen bewegt und verbindet“.

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Luzerner Neubad – Melting Pot der Träumer

Es ist Morgen. Wir sitzen im Luzerner ‚Neubad’. Das alte Schwimmbad wird heute von verschiedenen Organisationen und Unternehmen zwischengenutzt. Gregor erzählt uns, dass die Stadt die Frist bis 2020 verlängert habe. Es wäre auch schade, wäre es schon abgerissen worden. Wir reden im Café / Restaurant Bereich des Baus. Das ganze Haus ist bemalt. Man kommt sich vor wie in einem Museum, nur lauter und chaotischer. Es ist alles zugänglich und die Atmosphäre locker. Das Herzstück ist der alte Pool, in dem verschiedene Aufführungen stattfinden. Gregor führt uns ein bisschen herum und erzählt uns Geschichten über die Malereien an den Wänden. Alles wurde unter der Federführung von VcA gestaltet, alles von Freunden, guten Bekannten oder langjährigen Begleitern der Organisation. „Das ist das Schöne an meinem Beruf, ich lerne viele inspirierende, junge und kreative Leute kennen, die alle einen Beitrag zur Weiterentwicklung von VcA leisten“, erklärt er.

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Im Neubad herrscht eine mitreissende Energie. In den Büros arbeiten lauter junge, leidenschaftliche Menschen, die ihren Träumen nachjagen: Sie nähen Lederwaren, publizieren Magazine, führen ein Restaurant oder organisieren Festivals. Da passt Gregor mit seiner Crew genau rein. Er und seine Mitstreiter sind auch Träumer. Sie wollen die Welt verändern und das ohne Moralpredigten oder politischer Agenda. Nur mit Spass, Spiel und Freude an der Musik, an Kunst oder Sport.

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Viva con Agua de Sankt Pauli

2006 hatte der damals knapp 20-jährige keinen Spass an seinem Beruf. Er hatte gerade seine KV-Lehre abgeschlossen und wusste nicht so recht wie weiter. Also nahm er sich eine kleine Auszeit und zog für zwei Monate nach Hamburg, St. Pauli. „Ich war schon ein paar Monate zuvor dort. Es war so geil. Dieses Quartier hat etwas ganz Spezielles. Es verbreitet eine ganz besondere Energie, das Leben pulsiert dort richtig“, erläutert er seine Faszination. In den zwei Monaten verliebte er sich noch inniger in diese Stadt, sodass aus zwei Monaten schlussendlich zweieinhalb Jahre wurden.

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Nach seinem Herzensentscheid zu bleiben und das angepeilte Studium noch etwas hinauszuschieben, musste er sich eine neue Wohnung suchen. Denn seine erste Bleibe war, wie er es bezeichnet „eine viel zu teure Bruchbude“. Er wurde schnell fündig und kam in einer WG unter, in der unter anderem Benjamin Adrion lebte. Adrion war damals Spieler des FC St. Pauli. 2005, in einem Trainingslager in Kuba wurde der Fussballprofi auf die Trinkwasserproblematik aufmerksam. Zurück in St. Pauli nahm er sich sofort dem Problem an und begann Spenden zu sammeln. So entstand Viva con Agua.

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St. Pauli ist bekannt für seine sozialen Bewohner, Fussballfans und Künstler. Von Anfang an zählten Prominente wie zum Beispiel Fettes Brot oder Bela B von den Ärzten zu den Unterstützern. „Später, 2007 fanden die ersten ‚Wassertage’ im Quartier statt. Es sollten fünf Events an verschiedenen Tagen stattfinden. Aber alle wollten mitmachen. Schlussendlich waren es dutzende Aktionen. Ausstellungen und Konzerte. „Jede Bar, jeder Club sammelte Spenden“, erinnert sich Gregor. Nur durch diese mitfühlende und engagierte Kultur des Quartiers und seiner Gründer konnte aus einer kleinen Vereinigung eine Organisation mit mittlerweile über 12’000 Mitgliedern in etwa 60 Städten wie entstehen.

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Helfen ohne Moralapostel

Von Anfang an war den Gründern wichtig, keine normale Hilfsorganisation zu sein. Sie wollten niemals den moralischen Zeigefinger heben und in den Einkaufsmeilen Spenden sammeln. Gregor rutschte rein, indem er Freude daran verspürte, seine Mitbewohner bei den Events zu unterstützen und selbst Aktionen zu organisieren. All-Profit ist das Motto von VcA. Jeder gewinnt! Gregor erklärt es anhand von einem Beispiel: „Unser erfolgreichstes Modell ist das Sammeln von Bechern an Festivals, auf welchen zwei Franken Pfand ist. Die Helfer und Helferinnen tummeln sich an einem Festival, haben Spass, sehen ihre Lieblingsbands und sammeln nebenbei noch Spenden, um anderen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung zu verhelfen. Alles unbürokratisch und unkompliziert“.

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Mittlerweile gibt es in der Schweiz etwa jährlich etwa 100 Festivals und andere Veranstaltungen, die mit Viva con Agua zusammenarbeiten. Diese Partnerschaften zu pflegen und die Aktionen zu koordinieren gehören heute zu Gregors Hauptaufgaben. Letztes Jahr haben sie im Neubad auch das erste Mal selbst erfolgreich ein Festival durchgeführt. Dieses Jahr kommen noch der ‚Weltwassertag’ und der ‚Welt WC Tag’ ins Programm, die organisiert und koordiniert werden müssen. Das betrifft nicht nur den Ablauf, die konkreten Aktionen und Massnahmen, sondern auch die Medienarbeit rund herum. Neben diesen operativen Aufgaben muss sich Gregor auch darum kümmern, dass er und sein Team auch ein bisschen Geld zum Leben verdienen. „85% der Spenden gehen direkt in die Projekte. Der Rest fliesst in unsere Vereinsaktivitäten hier in der Schweiz, etwa die Organisation und Koordination von Festivals, Netzwerktreffen oder Bildungs-Veranstaltungen. Darum bin ich nebenbei auch auf der Suche nach anderen Einnahmequellen. Mittlerweile arbeiten wir mit einer Stiftung zusammen, die uns unterstützt, somit können wir uns knapp, aber nicht ganz einen gesetzlichen Mindestlohn ausbezahlen“, beschreibt er die Problematik.

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Die Motivation beziehen er und alle anderen nicht aus dem Lohn. Freude an den Projekten, das ist die eine wichtige Komponente. Noch mehr motivieren die Menschen, die Reisen und die Erfolge vor Ort. Gregor hat viel gesehen, viel erlebt und ist vielen spannenden Menschen begegnet. Seien es die Helfer und Helferinnen, seien es die Künstler wie Knackeboul oder Marteria, die mit viel Leidenschaft die Projekte in der Schweiz und in den Projektländern unterstützen oder die Menschen vor Ort. Alle spenden sie unheimlich viel Energie zurück.

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Mit Passion zum Ziel

Durch dieses Nehmen und Geben erhofft sich Gregor, die Entwicklungszusammenarbeit ein bisschen verändern zu können. Das einseitige Bild vom „reichen Norden“, der dem „armen“ Süden mit Geld unter die Arme greift, soll verändert werden. Jeder und jede soll mit seiner Leidenschaft helfen, allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung zu gewähren. Gregor erzählt auch schon stolz von ersten Erfolgen: „Dieses Jahr startet die erste Crew in Uganda. Bei unserem Besuch in der Hauptstadt Kampala vor zwei Jahren trafen wir einen Studenten, der begeistert war von der Energie, Leidenschaft und Freude, die Viva con Agua ausstrahlt. Er dachte sich, wenn wir auf so eine spielerische Art so viel für sein Volk erreichen können, dann schaffen sie das auch. Im darauffolgenden Jahr absolvierte er ein Praktikum bei Viva con Agua in St. Pauli und ist jetzt nach seiner Rückkehr dabei, mit seinen Kumpels in Uganda das Netzwerk aufzubauen und mit eigenen Ideen Events zu starten. Im März 2016 wird anlässlich des UN-Weltwassertags Viva con Agua nach ugandischem Recht gegründet.“

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Viva con Agua sammelt vielleicht nicht ganz so viel Geld wie andere NGOs. Aber sie verbreiten viel frischen Wind und Freude in Westeuropa und den Entwicklungsländern gleichermassen. 2’500 Mosambikaner tanzen gemeinsam mit Schweizern zu mosambikanischen und schweizer Beats. Das verändert vielleicht nicht die ganze Welt, aber es macht allen Spass und versorgt einen Teil der Welt auf spielerische und kreative Art und Weise mit sauberem Trinkwasser.

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Text: Nedim Ferhatbegovic

Bilder: Céline Werdelis

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